Historie der Wasserversorgung der Region Weimar

Spätmittelalter bis 1883

Bis 1883 mussten sich die Weimarer Bürger ihr Trinkwasser an den im Altstadtgebiet befindlichen „Laufbrunnen“ – mittels Röhrenfahrten aus außerhalb des besiedelten Stadtgebietes entspringenden Quellen gespeist – holen oder aber aus Schachtbrunnen auf den Wohngrundstücken schöpfen. Die auf den Privatgrundstücken befindlichen Brunnen befanden sich oftmals dicht neben Jauchegruben und Misthaufen, was immer wieder zu Seuchen führte. Der Geheime Medizinalrat und spätere Hofarzt Dr. Ludwig Pfeiffer wies in den 1860er Jahren auf der Grundlage umfangreicher medizinstatistischer Untersuchungen den Zusammenhang zwischen der Wassergewinnung aus kontaminierten Hausbrunnenanlagen und dem Auftreten von Choleraerkrankungen nach und setzte sich nachfolgend für den Aufbau einer zentralen öffentlichen Wasserversorgung in Weimar ein.

1883 – Weimar richtet eine zentrale öffentliche Wasserversorgung ein

Auf Beschluss der Stadt wurde im Jahre 1882 das Wasserwerk Oettern gebaut und das in der Ilmaue zu Tage tretende Quellwasser mit Dampfkraft über eine Druckleitung in einen Hochbehälter gefördert. Von diesem führt eine noch heute in Betrieb befindliche rd. 7 km lange Fallleitung über Köttendorf und Ehringsdorf nach Weimar. In der Stadt entstand ein Rohrnetz mit Anschlüssen für die Gebäude.

1905 wurde dann der Hochbehälter in der Luisenstraße (heute Humboldtstraße) errichtet; dieser ist auch heute noch für Weimars Stadtzentrum druckbestimmend.

1888 – Fernleitung Mellingen-Apolda in nur 5 Monaten verlegt, Apolda richtet eine zentrale öffentliche Wasserversorgung ein

Die Textilindustrie in Apolda sowie die Bürger der Glockengießerstadt litten unter Wassermangel; dies wurde zum Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung. Zur Behebung der Wassernot entschloss sich die Kommune, parallel zur Ilm eine rd. 30 km lange Leitung von Mellingen nach Apolda zu verlegen; diese konnte nach nur 5monatiger Bauzeit in Betrieb genommen werden. Genutzt wurden ebenfalls die Quellwasserdargebote in der Ilmaue zwischen Oettern und Mellingen; später fasste man zusätzlich eine Quelle bei Göttern südöstlich von Magdala und speiste das dortige Wasser über eine im Tal der Magdel bis Mellingen verlegte Leitung in das Apoldaer System ein.

1908 – erste interkommunale Zusammenarbeit im Bereich der ländlichen Wasserversorgung

Fast ausnahmslos wurden die Gemeindegrenzen bei der Planung und der Errichtung von Wasserversorgungsanlagen strikt beachtet. Nur die Gemeinden Großschwabhausen, Hohlstedt und Kötschau errichteten im Jahre 1908 eine gemeinsames Versorgungsanlage: Wassergrundlage war ein Brunnen in Hohlstedt. Dort hatte man eine Pumpstation errichtet, mittels derer das Wasser zunächst in einen im Bereich der Gemarkungsgrenze erbauten Hochbehälter gefördert wurde. Von dort aus erfolgte die Einspeisung in die Ortsnetze der drei damals politisch selbstständigen Kommunen.

bis 1914 – Aufbau zentraler Wasserversorgungssysteme in Dörfern des Weimarer Landes

Im Zeitraum bis 1914 wurden von vielen vornehmlich südlich des Ettersberg-Massivs gelegenen Gemeinden öffentliche Versorgungsanlagen auf der Basis örtlicher Dargebote (Quellen, Schachtbrunnen, Sickergalerien) erstellt.

Soweit ein Pumpbetrieb erforderlich war, erfolgte dies seinerzeit entweder mittels Windkraft-Antrieb oder aber mittels verbrennungsmotorisch angetriebenen Kolbenpumpen. In Einzelfällen kam auch der sogenannte „hydraulische Widder“ – beruhend auf einer Erfindung aus dem späten 18. Jhd. und in unserer Region gebaut von einer Blankenhainer Firma – zum Einsatz.

August 1914 – Ausbruch des 1. Weltkrieges

Im Sommer 1914 wurde die zentrale öffentliche Wasserversorgung in Hohenfelden eingeweiht. Dieses Dorf war 1913 – wie auch die benachbarte Stadt Kranichfeld – „wiedervereinigt“ worden; das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und das Herzogtum Sachsen-Meiningen hatten sich zuvor auf Gebietstausche geeinigt. Beide Kommunen unterstanden nun insgesamt dem Weimarer Großherzog.

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges im August 1914 führte zu einem Rückschlag hinsichtlich der Bestrebungen zum Aufbau leitungsgebundener öffentlicher Wasserversorgungseinrichtungen; neue Vorhaben wurden nicht mehr in Angriff genommen.

1919 bis 1927 – Erschließung weiterer Orte

Der 1. Weltkrieg hatte neben Leid und Hungersnot auch wirtschaftlich katastrophale Folgen: Die Wirtschaft lag am Boden; die Inflation vernichtete die wirtschaftliche Existenz vieler schon von den unmittelbaren Kriegsfolgen Betroffenen. Bis Mitte der 20er Jahre erfolgte im Zusammenhang mit der Neuerschließung von Baugebieten lediglich ein geringfügiger Ausbau der schon vor 1914 geschaffenen Versorgungsnetze. Erst im Jahre 1927 wurde wieder eine komplette größere Kommune erschlossen: Die seit 1913 „wiedervereinigte“ Stadt Kranichfeld hatte ein zentrales öffentliches System erstellt; Wassergrundlage war der „Stubenbrunnen“ – eine östlich des Rathauses im Steiluferbereich der Ilm zu Tage tretende sehr ergiebige Quelle, deren Schüttung mittels einer elektrisch angetriebenen Pumpenanlage in einen im Bereich des Oberschlosses errichteten Hochbehälter gefördert wurde. Beim Quellwasser handelte es sich jedoch hauptsächlich um oberhalb der Stadt versunkenes Ilmwasser; daraus resultierten massive hygienische Probleme.

Trinkwasserqualitaet in Kranichfeld

Auszug aus einem Bericht des Geheimen Obermedizinalrates Prof. Dr. Abel (Universität Jena) aus dem Jahre 1938 über eine Kontrolle der Trinkwasserqualität in Kranichfeld

1926 bis 1929 – Planungen für eine Fernwasserversorgung aus dem Thüringer Wald

Kernwassertalsperre

Das „Kerntalprojekt“ in der Urfassung aus dem Jahre 1927. In der zweiten Hälfte der 30er Jahre wurden die Planungen mit dem Ziel erweitert, eine „Zentralwasserversorgung Nordthüringen“ für 430 Kommunen aufzubauen. Träger sollte ein zu bildender Wasserversorgungszweckverband mit Sitz in Weimar sein. Im Jahre 1943 wurden alle Vorarbeiten als „nicht kriegswichtig“ eingestellt.

Nicht nur die Stadt Weimar benötigte mehr Trinkwasser – gleiche Probleme hatten auch andere Städte Nord- und Mittelthüringens. So schlossen sich Mitte der 1920er Jahre Erfurt, Weimar, Apolda, Jena und Arnstadt sowie die Reichsbahndirektion Erfurt – für den Dampflokomotiven-Betrieb wurden große Mengen weiches Kesselspeisewasser benötigt – zusammen; es wurde ein Projekt zur Heranführung von Wasser aus einer Talsperre, die bei Luisenthal südlich von Ohrdruf im „Kerntalgrund“ errichtet werden sollte, entwickelt. 1929 scheiterte das Vorhaben wegen ungeklärter Finanzierungsfragen und Uneinigkeit zwischen den Beteiligten.

1928 bis 1930 – Planung einer großräumigen Gruppenwasserversorgung für die Kommunen nördlich des Ettersberg-Massivs

In der zweiten Hälfte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entwickelte man erste Pläne zum Aufbau einer Gruppenwasserversorgung für die zum Landkreis Weimar gehörigen Städte und Gemeinden nördlich des Ettersberg-Massivs. Grundlage waren die Wasservorkommen in Sachsenhausen, wo zu diesem Zwecke im Jahre 1929 ein Bohrbrunnen abgeteuft wurde. Wegen fehlender finanzieller Mittel, ungeklärter Zuständigkeitsfragen und Uneinigkeit zwischen den zu versorgenden Kommunen verzögerte sich jedoch der Beginn der Bauarbeiten.

1930 bis 1933 – Bau der Trinkwasseraufbereitungsanlage Bad Berka incl. einer Fernleitung nach Weimar

Bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jhd. hatte man nach weiteren Möglichkeiten zur Gewinnung von Wasser für Weimar im Raum zwischen Weimar und Bad Berka gesucht. Aber erst nach dem Scheitern des „Kerntalprojekts“ zur Fernwasserversorgung wurde 1932/33 das Wasserwerk Bad Berka mit einer Kapazität von 5.000 m³/d gebaut. Das eisen- und manganhaltige Rohwasser wurde belüftet und gelangte danach über Filter in den Reinwasserbehälter. Über eine damals verlegte rd. 18 km lange Leitung wird das Wasser seither nach Weimar geführt.

1932 bis 1934 – Bau des Kreisgruppenwasserwerks Ettersberg

Anfang der 1930er Jahre war unter Regie des Landkreises Weimar mit dem Aufbau der Gruppenwasserversorgung Ettersberg begonnen worden. Im Jahre 1933 wurde eine Quellfassung auf dem Gebiet des im Bau befindlichen Wasserwerks Sachsenhausen erschlossen, das Wasserwerk selbst konnte am 21. März 1934 in Betrieb genommen werden. Parallel zum Bau des Wasserwerkes wurden die Hochbehälter errichtet sowie Ortsnetze und Hauptleitungen verlegt. Hausanschlüsse wurden zunächst aus Bleirohr, ab 1935/36 – Blei galt als „strategischer Rohstoff“ – dann aus Stahlrohr, hergestellt.

Plan-Kreisgruppenwasserwerk

Übersichtsplan Kreisgruppenwasserwerk Ettersberg - Stand 1934 mit damaliger Ausbauplanung für die Folgejahre

Januar 1933 – Machtergreifung der Nationalsozialisten

Die Nationalsozialisten priesen das Anfang der 1930er Jahre Geschaffene propagandistisch als Ergebnis ihrer Politik, obwohl die Arbeiten zum Aufbau des Kreisgruppenwasserwerks und der TWA Bad Berka ja schon vor der sogenannten „Machtergreifung“ im Januar 1933 in Angriff genommen worden waren.

1935 bis 1938 – Erschließung von Kasernenanlagen und Rüstungswerken

Mit Beginn der offenen militärischen Aufrüstung im Jahre 1935 kamen die Arbeiten zur Errichtung zentraler Trinkwasserversorgungsanlagen im ländlichen Raum fast vollständig zum Erliegen. Sowohl Materialien als auch Baukapazitäten unterlagen nunmehr einer Zwangsbewirtschaftung mit dem Ziel, dieselben ausschließlich für als militärisch bzw. strategisch bedeutsam eingestufte Vorhaben einzusetzen.

Erweiterungsarbeiten erfolgten zur Sicherstellung der Wasserversorgung der im Zuge der Aufrüstung errichteten militärischen Anlagen und Rüstungswerke. Zur Gewährleistung der Wasserversorgung der neuen Kasernenanlagen in Weimar und in Nohra (Fliegerhorst) wurde Mitte der 1930er Jahre eine Fernleitung vom in diesem Zusammenhang errichteten Wasserwerk Heichelheim über den Ettersberg zum Fliegerhorst Nohra verlegt; die von der Fernleitung durchquerten bzw. tangierten Gemeinden Gaberndorf, Tröbsdorf und Ulla, in denen die Einwohner ihr Wasser nach aus Hausbrunnen gewinnen mussten, erhielten hingegen keine Anbindung. Nur die am Ostrand von  Tröbsdorf errichtete „SA-Siedlung“ – heute Max-Greil-Siedlung – sowie die NS-Mustersiedlung der Weimarer Gustloffwerke (Rüstungsbetrieb, zu DDR-Zeiten Landmaschinenwerk) – heute Siedlung Schöndorf – wurden trinkwasserseitig erschlossen.

ZPW Ettersburger Str-1

Zwischenpumpwerk Ettersburger Str. I zur Versorgung der Kasernenanlagen Ettersburger Straße/Am Herrenrödchen

1938 bis 1943 – Bau von Wasserversorgungsanlagen für das Konzentrationslager Buchenwald

BBTo1alt

Tiefbrunnen Tonndorf 1

1937 errichteten die Nationalsozialisten auf dem Ettersberg nordwestlich von Weimar das KZ Buchenwald. Die vollkommen entrechteten Häftlinge – nach Ausbruch des 2. Weltkrieges auch Kriegsgefangene und Bürger besetzter Länder – lebten, dem ständigen Terror der SS ausgeliefert, unter unmenschlichen Bedingungen und mussten Zwangsarbeit im Steinbruch und in „Außenkommandos“, ab 1943 auch in den neben dem Lager errichteten Rüstungswerken, leisten.

Häftlinge wurden gezwungen, in Handarbeit den Rohrgraben für eine heute als „Buchenwaldleitung“ bezeichnete und inzwischen der Versorgung des nordwestlichen Teils der Region Weimar dienende etwa 16 km lange Fernleitung von den kreiseigenen Tiefbrunnenanlagen bei Tiefengruben/Tonndorf, die vom Landkreis an die SS verpachtet worden waren, bis zum für das Lager und für die SS-Kasernen auf dem Ettersberg errichteten Hochbehälter auszuschachten.

1945 bis 1955 – Beseitigung der Kriegsschäden und Gründung „Volkseigener Betriebe“

Die Anlagen der öffentlichen Wasserversorgung waren durch Kriegseinwirkungen nur vergleichsweise unwesentlich beschädigt worden; lediglich in Weimar mussten ab 1944 immer wieder durch Bombentreffer verursachte Rohrschäden am Ortsnetz sowie an der durch das Stadtgebiet führenden Fernleitung Mellingen-Apolda beseitigt werden.

Nach Ende des 2. Weltkrieges waren die Stadtwerke Weimar und das Kreisgruppenwasserwerk zunächst als selbstständige Unternehmungen in Form „Kommunaler Wirtschaftsunternehmen“ (KWU) weitergeführt worden. Anfang der 1950er Jahre erfolgte dann die Umwandlung in „Volkseigene Betriebe“. Es entstanden der VEB (K) Wasserwirtschaft Stadt Weimar und der VEB (K) Wasserwirtschaft Weimar-Land.

In der Zeit bis 1955 standen kaum Mittel für den Ausbau der Anlagen zur Verfügung, und die vorhandenen Anlagen wurden „auf Verschleiß gefahren“. Erst ab Mitte der 1950er Jahre konnten wieder Neubauvorhaben in Angriff genommen werden.

1956 bis 1969 – Aufbau von Gruppenwasserversorgungen im ländlichen Raum

Ab Mitte der 1950er Jahre begann man wieder, Dörfer ohne zentrale Wasserversorgungsanlagen zu erschließen: Politisches Ziel war, die Lebensverhältnisse der auf dem Lande lebenden Bevölkerung an die der Städter anzugleichen. Im Gebiet nördlich des Ettersberg-Massivs konnte teilweise auf die Anfang der 1930er Jahre bezüglich des damals konzipierten Gruppenwasserversorgungssystems erstellten Ausbauplanungen zurückgegriffen werden.

Im Raum Bad Berka entstanden die Trinkwasseraufbereitungsanlagen Tiefengruben und Tannroda; letztere wurde Herzstück der Gruppenwasserversorgung Tannroda. Die Anfang der 1930er Jahre errichtete TWA Bad Berka ersetzte man zur Kapazitätserhöhung durch einen neben der Altanlage errichteten Neubau.

offener Schnellfilter TWA Tiefengruben (1956)

Bau Schachtbrunnen Nauendorf (1956)